Hipster Guide to Developing Film


In Gedenken an Andrés großartige Hipster Guides zu Lomography und Digital Lomography und der freundlichen Nachfrage von Dennis, hier nun mein Guide zum Film entwickeln.
Ihr habt also endlich eure Yashica, Canonet oder die von Opa geklaute Leica M3 zur Genüge eingeknipst und euer letztes Milchgeld in die 20 abgelaufenen Filme von eBay gesteckt und fragt euch, wie ihr diesen Scheiß noch länger bezahlen sollt? Keine Angst. Geht zu Mutti und lasst euch euer Weihnachtsgeld früher auszahlen, denn mit schon 70–80 Euro könnt auch ihr unheimlich günstig eure eigenen Schwarz/Weiss Filme entwickeln.


“Und was brauche ich jetzt genau?“
1. Filme. Viele! Geht in den DM um die Ecke und zockt kauft alle Agfa APX100, die ihr in die Finger bekommen könnt. Die viel teureren Ilfords und Kodaks hebt ihr euch für später auf.

2. Entwicklerdose: Das mit Abstand teuerste Stück Equipment. Ich empfehle einen kleinen Jobo Tank. Die hier reicht aber auch.

3. Dunkelsack: Der hier ist käuflich. Allerdings auch nicht dringend notwendig. Ich selbst spule meine Filme momentan ganz einfach unter der Bettdecke und zwei Mänteln ein, sobald es draußen stockdunkel geworden ist. Das ist zwar etwas unprofessionell, aber nicht völlig abwegig. Für mehr Spannung könnt ihr euch auch in euren Eichenschrank vom Trödelmarkt einschließen und losfädeln.

4. Thermometer: Das hier. Von mir aus auch gern ein Analoges von Omi. Hauptsache vorher desinfiziert.

5. Mindestens zwei schwere, flache Klammern. Besorgt euch welche von IKEA oder aus dem Baumarkt. Manch große Schwester hat auch breite Magnetklammern am Magnetboard im Zimmer. Hauptsache um die 3cm breit und gut gewichtet. Ihr könnt auch Wäscheklammern nehmen, aber die sind meist zu leicht und hindern außerdem euren Film nicht daran sich der Breite nach zu rollen, was beim Scannen und Handhaben richtig hässlich werden kann.

6. Zwei Messbecher, entsprechend dem Füllvolumen eurer Filmdose und einen kleinen in dem ihr Milliliter abmessen könnt.

7. Entwickler: Da ihr geile Kontraste und kräftige Fotos wollt und genau wie ich noch absolute Kacknoobs seid, wenn es um Filmentwicklung geht, kauft ihr euch Rodinal bzw Adonal bzw. R09 (alles dasselbe). 500ml reichen im Jobo Tank für 500 Filme und somit unglaublich lange. (Merkt ihr schon wie ihr spart?)
8. Stopper: Braucht ihr nicht. Ordentlich wässern reicht.

9. Fixierer: Eine Pulle Agefix reicht noch länger als der Entwickler. PARTY HARD!

10: Leere Flaschen. Kauft euch Bronte, trinkt sie aus und spült richtig. Dort hinein könnt ihr euren Fixierer kippen. Teure Chemiebehälter funktionieren natürlich noch besser.

11: Trichter: Damit ihr nicht wieder alles einsaut und euch die Mutter den Arsch versohlt.

“Ich habe den ganzen Scheiß gekauft, habe Hunger, was nun? KOMM ZUM PUNKT!“
HALT STOPP! Bevor ihr ausrastet und nervös herumhastet, nehmt lieber noch eine Valium oder etwas Ritalin, denn jetzt ist Geduld und Ruhe gefragt. Film entwickeln braucht seine Zeit und ihr solltet den Spaß aus dem Prozess ziehen. Also rein ins innere ich und etwas gebetet, bevor ihr weitermacht:
0. Hände waschen: Kein Film sieht schön aus, wenn ihr eure verdreckt-fettigen Finger darauf gelegt habt.

1. LICHT AUS! Ich kann euch kaum oft genug daran erinnern, dass die ersten Schritte in ABSOLUTER DUNKELHEIT geschehen müssen. Rotlicht fällt auch aus, da der Film auf das gesamte Lichtspektrum reagiert. Deshalb muss das Öffnen der Dose, das Aufwickeln und Einlegen komplett im Dunkeln geschehen. Übt diese Schritte also zunächst im bequemen Licht eurer Schreibtischlampe mit einem billigen Film, damit ihr auch wirklich versteht, was ihr später im Dunkelsack oder unter der Bettdecke tut.

2. Filmdose auf: Ich habe mich ewig gefragt, wie das gehen soll und die Antwort ist erschreckend einfach: Flaschenöffner. Setzt ihn an das untere (das “flache”) Ende eurer Dose an und hebelt in mehreren Schritten den Boden ab. Schon könnt ihr den Film bequem aus der Dose nehmen.

3. Schnipp-Schnapp A: Schneidet das schmale, vordere Ende eures Films ab, da es sich sonst beim Einspulen verheddern kann.

4. Schnipp-Schnapp B: Schneidet die entstandenen Ecken ab, so bekommt ihr den Film wesentlich einfacher eingespult.

5. Film einspulen: Legt das vordere Ende eures Films in die Vorsehung eurer Spule und beginnt abwechselnd mit beiden Daumen, den Film in die Dose einzuspulen. Die Standard Plastikspulen lassen sich stückweise gegeneinander drehen. Diese Bewegung habt ihr recht schnell raus, also macht euch keine Sorgen und übt vorher am Testfilm. Gegen Ende könnte das Spulen etwas schwieriger werden, lasst euch nicht irritieren und spult weiter. Wenn ihr etwas zerreißt, hört und spürt ihr das sofort und SO schnell geht der Film auch nicht kaputt.

6. Schnipp-Schnapp C: Der Film ist fast komplett aufgerollt. Jetzt nur noch das Ende, mit der Schere von der Rolle befreien.

7. Spule in die Dose legen.

8. Deckel fest drauf.

9. LICHT AN!

ENDLICH! Der elende Stinker liegt in der Dose und wartet nun darauf von euch benetzt zu werden. Und wie geht das nun wieder? Packt euer Rodinal aus und legt euch eine 1+50 Suppe an. Das heißt konkret: Ihr nehmt Messbecher A, füllt 245ml Wasser hinein und gebt 5ml Rodinal hinzu, also eine 1:50 Mischung. Messt, während das Wasser aus eurem Hahn läuft, die Temperatur. Sie sollte bei 23°C liegen. Die Toleranz ist hier relativ gering, da ihr konstante Ergebnisse wollt. Ich habe noch keine Erfahrung aber 2°C Unterschied sollen das Ergebnis angeblich stark verändern können. Im gleichen Atemzug, legt euch auch gleich euer Fixierbad an. Bei Agefix mischt ihr, wie auf der Verpackung 1+7, in einem SEPARATEN Messbecher. Stellt euch eure silberne Casio-Uhr auf 17 Minuten ein.

Alles bereit? Auf geht’s!
Kippt die Entwicklersuppe langsam in die Dose, Stoppuhr starten, Deckel drauf und schwenkt die Dose die ersten 60 Sekunden lang in alle 3 Achsen. Macht das ganze sanft und fließend. Drehen, schwenken.
Nach 60 Sekunden, einmal kurz auf die Tischplatte stoßen (damit sich die Luftblasen vom Film lösen) und stehen lassen. Nach 30 Sekunden eine volle Inversion (also um alle Achsen drehen) und wieder aufschlagen. Nach 30 Sekunden dasselbe Spiel, bis die 17 Minuten vorbei sind.

Geschafft? Sehr gut. Jetzt einmal die Entwicklersuppe ausschütten und mit Wasser spülen. Dazu Wasser auffüllen, 20 Inversionen, abgießen, auffüllen, 40 Inversionen, abgießen, 60 Inversionen, abgießen. Jetzt kommt der Fixierer in die Dose. Selbes Spiel wie beim Entwickler: Einfüllen, schwenken. Stehen lassen. Ich selbst schwenke die gesamten 4–5 Minuten. Hier habt ihr etwas Toleranz, da ihr eigentlich nichts versauen könnt. Nach 4 Minuten die Suppe in die Flasche füllen und gut verschließen, damit spart ihr einige Entwickleranrührungen. Jetzt könnt ihr die Dose bereits öffnen.
Nun wird wieder im 20, 40, 60 Rhythmus gewässert. Andere stellen die Dose für 10 bis 20 Minuten unter fließendes Wasser.
Das war’s!

Nehmt den Film aus der Dose und zieht ihn langsam an, während ihr mit zwei Fingern das übrige Wasser vom Film streift. Besser geeignet ist hier eine Klammer mit zwei gummierten Zangen, allerdings habe ich keine Ahnung, wo man sowas kauft.
Jetzt nur noch mithilfe der Klammern aufhängen und eine halbe bis eine Stunde Trocknen lassen. DONE.

Danke an André. Der Artikel ist gespickt mit Amazon-Affiliate Links. Wenn ihr mich allerdings nicht mit eurem Einkauf unterstützen wollt, kann ich euch Monochrom wärmstens empfehlen. Cheers!